Wider das Vergessen!
Mein Untertitel

Wenn Sie mich nicht kennen und erst im Internet von  mir erfahren haben!

 "der kleine Franz”

Komisch, auf älteren Fotos sieht man viel jünger aus…

Ich bin am 23. September 1932 im Johanniter-Kreiskrankenhaus in Neidenburg geboren und wohnte zunächst in der Hindenburgstraße 32, Ecke Töpferberg 1, und nach Fertigstellung unseres Wohnhauses (1940) in der Kachelfabrik am Bahnhof. Ostern 1938 wurde ich in der Adolf Hitler-Knabenvolksschule eingeschult. In meinem Zeugnis vom 6. Februar 1943 steht unter Bemerkungen: "Im Kriegseinsatz der Heimatfront bewährt". Schließlich habe ich auch fleißig und Unmengen von Altmetall und Heilkräutern gesammelt. Bei einem Konzert eines Kammersängers (den Namen habe ich vergessen,  evt. Richard Tauber?) saßen alle Schüler in der Aula und hörten seinem Gesang zu. Ich und ein paar Klassenkameraden neben mir fanden das ganze etwas lustig oder langweilig und lachten und kicherten. Zu dem heftigen Gesang des Erlkönigs machten wir die Hufgeräusche des Pferdes und schnalzten wohl etwas zu laut mit der Zunge, so dass der Rektor uns rausschmiss und eine Strafarbeit aufgab. Im Sommer 1943 wechselte ich zur Oberschule für Jungen, die in dieser Zeit Erich Koch-Schule hieß und nach dem unrühmlichen Gauleiter von Ostpreußen benannt war. Hier hatte ich allerdings meine ersten Probleme mit Englisch und einigen nicht sehr guten Noten. Auf die Verwarnung der Englisch-Lehrerin, dass ich mit diesen Noten sitzen bleiben könnte, wenn ich mich nicht noch anstrenge, antwortete ich - wie viele Jahre später ein Freund und Klassenkamerad erinnerte: »Warum müssen wir überhaupt Englisch lernen? Wenn wir gesiegt haben, müssen sowieso alle Deutsch lernen«. So indoktriniert waren selbst wir Kinder schon in dieser Zeit! Ich hatte aber viele andere Flausen mehr im Kopf als das Pauken. Im Zeugnis vom 17. Dezember 1943 steht daher auch in der Rubrik Allgemeine Beurteilung des körperlichen, charakterlichen und geistigen Strebens und Gesamterfolges: "In den wissenschaftlichen Fächern war er nicht gleichmäßig und ernsthaft genug tätig. Es fehlte ihm an Fleiß. Sein Verhalten war kameradschaftlich". Unter Bemerkungen hatte unser Klassenlehrer, Studienrat Bruno Hasse, geschrieben: "Franz wird bestrebt sein müssen, seine nicht voll ausreichenden Leistungen in Englisch aufzubessern". Dafür hat mein Vater allerdings nicht ohne ernsthafte Ermahnungen laut mir vorliegender Quittung am 12. Januar 1944 das Schulgeld von 49 Reichsmark für August 43 bis März 44 bei der Stadtkasse eingezahlt. Der Besuch eines Gymnasiums war auch in der Nazizeit nicht schulgeldfrei. Für meine unbedachte Bemerkung über Englisch und Deutsch, die mein Vater von seinem Skatfreund Bruno Hasse in seiner wöchentlichen Skatrunde erfuhr, erhielt ich nachträglich eine ernsthafte Rüge meiner Mutter und die Verwarnung, so etwas ja nie wieder von mir zu geben. Ihr muß mein Ausspruch geradezu wie Verrat an unserer politischen Familientradition geklungen haben. Dazu gehörte auch, daß in unserer Wohnung kein Führerbild an der Wand hing, wie es üblich war. Selbst nicht einmal im Kontor meines Vaters in der Fabrik, was gelegentlich zu ernsthaften Ermahnungen von irgendwelchen Parteibonzen führte. Dagegen sprach meine Mutter schon mal vom "Klumpfuß" und von der "lächerlichen Nasenbürste". In der kurzen Zeit meiner Zugehörigkeit zum Jungvolk von 1943 bis zum 19. Januar 1945 hatte ich am liebsten die Geländespiele, das abendliche Basteln von Kinderspielzeug aus Holz in der Tischlerei an der Hindenburgstraße für die Kinder von Gefallenen und das Lernen und Singen der Jungvolklieder. Das Exerzieren auf dem Sportplatz fand ich dagegen reichlich doof. Die Zugehörigkeit zum Jungvolk hatte aber auch einen gewissen "Vorteil". Der Lehrer durfte einen Jungen in Uniform nicht schlagen, obwohl zu dieser Zeit die Prügelstrafe noch üblich war und fleißig angewandt wurde. Also gingen wir in Uniform zur Schule. In den ersten Januartagen 1945 mußte mein Vater uns verlassen, um als Volkssturmmann mit einer "Kompanie von Greisen und Kindern", wie er es nannte, die gewaltige Macht der Roten Armee aufzuhalten. Am 19. Januar 1945, in den Nachmittagsstunden, flüchtete meine Mutter mit uns sechs Kindern vor den herannahenden sowjetischen Truppen und unter heftigem Beschuß durch Artillerie und Tiefflieger mit dem letzten Zug aus Neidenburg. Damit begann für uns eine wochenlange Odyssee kreuz und quer durch Deutschland, zum Teil in Güterzügen und offenen Viehwaggons - es war der kälteste Winter seit Jahren (bis -30°) ! Überall wollte man uns Flüchtlinge nicht haben. Diese Irrfahrt endete nach kurzen Aufenthalten in Konitz und in Schwerin endlich in Lilienthal bei Bremen, wo mein kleinster Bruder Peter im Alter von genau einem Jahr an den Folgen der Flucht (Erfrierungen) starb. Die Unterbringung der vielen Flüchtlinge, besonders Familien mit mehreren Kindern, bereitete vielerorts Probleme. Lilienthal hatte am 1. April 1939 genau 3159 Einwohner, 1946 waren es 5400. Bei unserer Ankunft in Lilienthal gab es offensichtlich auch Probleme. Anscheinend war niemand bereit, eine Frau mit sechs Kindern aufzunehmen. Schließlich gelang es, uns vorübergehend in einem kleinen Mansardenzimmer im Einfamilienhaus des Bauunternehmers Meier unterzubringen.
Die "mysteriöse" Geschichte vom "Hexenhäuschen" am Truper Deich
Nach ein paar Tagen wurde uns ein kleines Holzhäuschen am Truper Deich angeboten. Landwärts am Deich stand in einem Garten ein kleines Wochenendhaus, das einem reichen Bremer gehörte. Die Wände waren außen hellblau und die Fensterrahmen und Türen weiß gestrichen. Die zwei Zimmer mit Küche und sogar mit einer Toilette und der kleine Garten mit ein paar Obstbäumen begeisterte uns Kinder und wir wären am liebsten sofort in das Hexenhäuschen, wie wir es nannten, eingezogen. Seltsamerweise war unsere Mutter überhaupt nicht begeistert und meinte, wir sollten uns lieber direkt in Lilienthal eine Unterkunft suchen. Die Front rückte auch hier immer näher. Die Amerikaner - oder Engländer ? - haben Bremen bereits besetzt und beschossen mit Artillerie und Granatwerfern die Wümmebrücke vor der Lilienthaler Hauptstraße und die Umgebung. Eine Granate war in das Häuschen am Deich eingeschlagen und hatte es total zertrümmert. Es war nur noch ein Haufen Schutt. Meine Mutter bemerkte dazu ganz einfach und kurz: "Ich hab es geahnt". Wie konnte sie das ahnen oder gar wissen??? Nach ein paar Tagen bot uns die freundliche Frau Lameter aus dem Schuhgeschäft in der Lilienthaler Hauptstraße die zwei Dachkammern ihrer Schustergesellen mit Familienanschluß an. Hier werden wir für die nächsten Jahre ein Zuhause finden und hier wird uns unser Vater 1947 mit Hilfe des Suchdienstes des Roten Kreuzes aufspüren. Den Verlust der alten Heimat wird er jedoch bis zu seinem Tod nicht verschmerzen.  Familienanschluß bedeutete übrigens, dass unsere Lebensmittelkarten auch von Frau Lameter mit ihren drei Töchtern und ihrem Sohn kräftig genutzt wurden. An dieser Stelle möchte ich, auch im Namen meiner Geschwister, nochmals unserer lieben Mutter posthum danken, dass sie uns tapfer und umsichtig immer weiter nach Westen brachte und uns damit vor der infernalischen Front, vor dem lebensgefährlichen Fluchtweg über das Haff und die Ostsee, vor der grausam wütenden Sowjetsoldateska und vor einem Leben unter polnischer Nachkriegsherrschaft oder in der SBZ und der DDR bewahrte. Nach 40 Jahren Berufstätigkeit als Polizei-/Kriminalbeamte r in Nordrhein-Westfalen, den bei einem Landesbeamten mit Aufstiegschancen üblichen, häufigen Ortswechseln, s owie nach 2 Jahren polizeilicher Aufbauhilfe in Brandenburg und als Fachbereichsleiter und Dozent für Kriminalistik/Kriminologie habe ich als Kriminaldirektor a. D. in Aachen mein "Zuhause" und endlich die Zeit gefunden, über die Vergangenheit nachzudenken und zu schreiben. Dennoch muss ich gestehen, dass ich immer wieder mal das Bedürfnis hatte, meine "alte Heimat" zu besuchen, auch wenn ich mich dort nicht mehr zu Hause fühlte.
Heimat ist nicht nur das Land, sondern auch die vertrauten Menschen - die es dort nicht mehr gibt. Übrigens "vom Haff" ist die deutsche Übersetzung meines Namens (Zalew/Salew = Haff, ski = von/vom), der im ermländischen Mehlsack lange vor dem 7. August 1772 (Annektion des Ermlandes durch Friedrich II.) im katholischen Fürstentum unter dem polnischen König Kasimir IV. in dessen Eigenschaft als Herzog der Lande Preußen entstand. Die Schreibweise am Ende mit y stammt wohl aus der Zeit der russischen Besatzung 1758-1760.

Das Wappen ist unser Familienwappen und stellt die Merkmale unserer Herkunft dar.