Wider das Vergessen!
Untertitel

Bernsteine & Trillerpfeifen

Aus meiner Autobiografie - Teil II (Roman) 

Für alle diejenigen, die nach uns kommen 
Die Kriegstage 
Bis Ende 1944 merkte man fast garnichts vom Krieg. Im August, kurz nach den Sommerferien, kehre ich wie üblich auf dem Heimweg von der Schule bei meiner Tante Mia in der Gartenstraße ein. Meine Tante liegt auf dem Sofa und weint bitterlich und meine kleine Cousine ebenfalls. Beide können gar nicht sprechen und mir auf meine Fragen,  ob sie vielleicht krank sind, antworten. Tante Mia zeigt immer nur auf den Tisch, auf dem ein Brief liegt, in dem geschrieben steht, dass unser Edi, mein lieber Cousin, gefallen sei. Der Obrlt. u. Komp.Chef schreibt darin: "Ich habe die Pflicht, Sie von dem Heldentode Ihres Sohnes in Kenntnis zu setzen. Am 30. Juli 1944 ließ Ihr Sohn in aufopferungsvoller Diensterfüllung sein junges Leben für Führer, Volk und Vaterland in der kleinen Ortschaft Zawadka rund 26 km nordostwärts der Stadt Bolechow. Ihr Sohn wurde von mehreren Granatsplittern in Kopf und Hals getroffen, die den sofortigen Tod zur Folge hatte ". en, dass unser Edi nicht mehr am Leben sein soll. Ich laufe mit tränennassen Augen, so schnell ich kann, quer durch die Stadt nach Hause und achte dieses Mal noch nicht einmal am Bahnübergang vor der Soldauer Straße darauf ob sich ein Zug nähert, obwohl meine Mutter mich fast täglich daran erinnert, besonders vorsichtig zu sein, weil in letzter Zeit die Schranken schon mal nicht zugedreht werden. Daran denke ich in diesem Moment überhaupt nicht. Endlich zu Hause angekommen, berichte ich unter heftigem Weinen die traurige Botschaft. Meine Mutter, die genauso wie wir alle unseren Edi sehr lieb hat, fängt furchtbar zu weinen an und ruft nach meinem Vater. Er kommt wie immer in seinem grauen Kittel langsam und würdevoll aus der Fabrik durch die Küchentür herein und bevor er fragen kann, was denn schon wieder passiert ist, schreit meine Mutter mit sich überschlagender Stimme und sehr zornig: »Unser Edi ist gefallen, er lebt nicht mehr, er ist tot!« Mein Vater  hört sich diese Nachricht seltsam ruhig an und meint nur »das ist eben der Krieg, wir alle müssen dafür bezahlen«. Meine Mutter ist sichtlich verärgert über seine Reaktion und beschließt, sofort zu ihrer Schwester zu gehen um sie zu trösten. Genau zwei Wochen später erlebe ich eine weitere böse Überraschung, als ich von der Schule nach Hause komme. Der Briefträger hat einen Brief mit der Nachricht gebracht dass meinem Bruder Ernst in Russland gefallen sei. In dem Brrief steckt außerdem ein eisernes Kreuz, dass meinem Bruder nachträglich verliehen wurde, weil er angeblich auf einen russischen Panzer gesprungen ist und eine geballte Ladung Handgranaten in den Panzer geworfen hat. Wo dieses Eiserne Kreuz geblieben ist habe ich nie erfahren. Ich glaube, meine Eltern haben es fortgeworfen, oder vielleicht in den braunen Lederkoffer gesteckt, in dem alle wichtigen Sachen verschlossen aufbewahrt werden. Für meine ansonsten recht starke und unerschütterliche Mutter ist damit das Maß an Leid und Zorn voll. Sie schimpft nur noch über die Nazis und den Krieg, der ihrer Meinung nach sowieso schon lange verloren sei. Mein Vater liest den Brief im Stehen. Er steht da wie ein Stock, steif und hochaufgerichtet. Sein Gesicht, das ohnehin nur selten eine Regung erkennen läßt, wird zusehends kalkweiß bis grau. Er verzieht aber keine Miene dabei, legt den Brief fast behutsam auf den Küchentisch, wischt kurz mit der Hand darüber als wollte er ihn glatt streichen, dreht sich langsam um und geht wortlos in die Fabrik zu seinem Kontor, wo er sich einschließt. Drei Tage lang kriegen wir ihn danach nicht zu sehen. Die Frau Sz. bringt ihm das Essen dorthin und erzählt, er wolle mit niemandem sprechen. Für mich ist das ganze unfassbar, und meine Gedanken kreisen ständig um Edi und Ernst, die zu meinen Idolen - meine Bernsteine eben -  in jener Zeit zählen und die ich nie wiedersehen sollte. Von Edi erbe ich alle seine Bücher, die ich in seinem Zimmer in der Gartenstraße immer so sehr bewundert habe, und auch seine Liebe zu Büchern überhaupt, die ich mir bis heute bewahrt habe. Die Bücher habe ich, ebenso wie meine Bernsteinschätze, leider zurücklassen müssen, als wir ein halbes Jahr später unsere Heimat verlassen mussten. Von meinem Bruder Ernst, der ja eigentlich mein Halbbruder war, was für uns allerdings überhaupt keine Rolle spielte, habe ich nur die Erinnerung an unsere gemeinsame schöne, aber leider kurze Zeit, bevor er Soldat wurde. Sehr oft und gerne erinnere ich mich auch daran, als er einmal im Fronturlaub, in Uniform und mit voller Ausrüstung, mit mir in die Berge hinter der Fabrik ging und mich dort mit seinem Karabiner schießen ließ, was meine Eltern gar nicht so gut fanden - ich aber umso mehr. Er war ja nach Meinung unseres Vaters doch noch ein „Junge“, der eigentlich gar nicht Soldat werden sollte, obwohl er sich schon zu Beginn des Russlandfeldzuges heimlich freiwillig gemeldet hatte. Mein Vater erhielt eines Tages eine Mitteilung vom Wehrmeldeamt, dass unser Ernst sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hätte. Da er noch zu jung war, hatte man ihn abgelehnt. Daraufhin habe er sich dort beschwert und gefragt, ob der Führer keine Soldaten brauchte. Unser Vater redete ihm stundenlang zu, besser abzuwarten, bis man ihn holen würde, aber Ernst wollte nun mal dem Vaterland dienen. So kam er zunächst zum RAD (Reichsarbeitsdienst), wo er kräftig arbeiten musste. Als er achtzehn wurde, erhielt er eines Tages dann den ersehnten Stellungsbefehl und nach knapp acht Monaten gab es ihn nicht mehr. Er ist am 23. Juni 1944 für „Führer, Volk und Vaterland den Heldentod“ gestorben. Dabei war auch er genauso viel und genauso wenig ein Held wie alle anderen großen Jungens, die ich von der Schule, aus dem Jungvolk und aus der HJ kannte. In dieser Zeit war auch einmal eine Bombe neben dem Arbeitsamt in der Hindenburgstraße gefallen. Ein russischer Flieger hätte sie verloren, sagte man, und wir Jungen liefen natürlich dort hin, um uns einen so ungewöhnlichen Ereignisort gründlich anzuschauen, obwohl es verboten war und die Gendarmen uns auch ganz schnell davonjagten. Ich fand sogar einen kleinen Splitter der Bombe, der, scharfkantig und verbogen, in meiner Schatzkiste landete, in der ich auch den Beutel mit meinen Bernsteinen aus Neukuhren aufbewahrte. Ich habe ihn behalten, weil ich dachte, dass es genau so ein Splitter gewesen sein müsste, der unseren Edi getroffen hatte. Die Front rückte immer näher auf Ostpreußen zu, und bald hörten wir schreckliche Geschichten aus deutschen Dörfern und Orten, über die die Sowjets hergefallen sein sollen wie die Tiere. Die Männer seien erschossen, die Frauen vergewaltigt, was immer das bedeutete, und die Kinder und alten Leute grausam erschlagen worden, erzählten sich die Erwachsenen. Wir Kinder lauschten den gruseligen Berichten, und ich machte mir meine eigenen Gedanken dazu. Schließlich habe ich doch die Russen vom Arbeitskommando auf dem Reitplatz und in der Reithalle an der Mirbachstraße kennengelernt und mit ihnen sogar Freundschaften geschlossen - aber vielleicht waren das ja andere Russen? Nach den Herbstferien brauchte ich nicht mehr zur Schule zu gehen - wie schön! Im Erich-Koch-Gymnasium wurde nämlich ein Lazarett eingerichtet. Einige Tage lang wurde unser Unterricht in dem Gemeindehaus neben der Schlosserei Rexin abgehalten, aber hier im Garten übte der Volkssturm mit Panzerfäusten und Handgranaten, so dass es für uns Jungen zwar interessanter als der Unterricht aber auch gefährlicher war. Bei einer dieser Übungen stand ein Volkssturmmann hinter einer Panzerfaust, und als diese abgefeuert wurde, kriegte er den ganzen Feuerstrahl ins Gesicht. Er musste mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht werden, und für ihn war der Kampf um die Heimat wohl beendet. So wurde der Schulunterricht also ganz eingestellt. Einige Klassen der größeren Schüler, soweit sie nicht zum Volkssturm mussten, wurden irgendwohin ins Reich (nach Plauen, wie ich später erfuhr) verlegt. Auch der wöchentliche Jungvolkdienst fand nicht mehr statt, zu dem ich sowieso seit längerer Zeit nicht mehr gerne hinging, weil ich das Antreten in Reih und Glied, das Marschieren, Exerzieren und Grüßenüben mit „Heil Hitler“ und Vorbeimarschieren am Fähnleinführer Helmut W, mit erhobener rechter Hand doch so doof fand. Einzig die Geländespiele, bei denen man so richtig herumtoben konnte, und die abendlichen Lagerfeuer, an denen wir Jungvolklieder lernten und sangen, fanden meine Begeisterung. Außerdem hatte meine Mutter eines Tages beschlossen, dass ich nicht mehr zum Dienst gehen sollte. Ich hatte wieder einmal Streit wegen der Schikanen unseres Jungschaftsführers Heinz D. bekommen, der so mächtig stolz auf seine rot-weiße, gedrehte Schnur war, und der doch genauso alt war wie ich, und war von dem neben der Fabrik liegenden Sportplatz nach Hause gelaufen. Der Fähnleinführer war hinter mir hergerannt und hatte sich mit meiner Mutter in einem ihr offenbar ungehörigen Ton angelegt. Sie hat daraufhin den „jungen Burschen mit seiner grün-weißen Kordel“ kurzerhand hinausgeworfen und ihm erklärt, dass nur sie allein für die Erziehung ihres Sohnes zuständig sei, was wiederum meinem Vater nicht besonders gefiel, weil das ja vielleicht böse Folgen hätte haben können. Es hatte aber keinerlei Folgen, denn der Bannführer W. kam jeden Vormittag auf dem Weg zu seinem Büro und am Nachmittag von seinem Büro an unserer Haustür vorbei und grüßte immer sehr freundlich, besonders meine Mutter, die ihn schon mal zu einer Tasse Kaffee einlud. Er hatte neuerdings sein Büro in den Räumen der Ziegelei Pfeiffer, die hinter der Kachelfabrik liegt. Ein paar Tage nach diesem Vorfall mit dem Fähnleinführer erzählte meine Mutter ihm bei einer Tasse Kaffee von dem „rüpelhaften Benehmen". Er entschuldigte sich für seinen Fähnleinführer und versprach, »ihn sich zur Brust zu nehmen«. Er war übrigens »ein ganz armer Kerl, der einem leid tun kann« wie meine Mutter meinte. Obwohl er immer sehr gepflegt aussah in seiner Uniform mit weißer Kordel, mit braunem Koppel, Schulterriemen und immer glänzend gewienerten braunen Stiefeln, war seine Art zu gehen unübersehbar. Er war schwer verwundet worden und hatte wohl beide Beine verloren, denn er bewegte sich wie mit Prothesen, warum ihm einige Jungen auch den Spitznamen "Hinkebein" gaben. Ich selbst fand diese Bezeichnung allerdings widerwärtig und hatte deswegen sogar einmal eine Klopperei mit einem Kameraden aus unserem Fähnlein. Im Winter 1944/45 kamen wieder vermehrt Wehrmachtstransporte auf dem Bahnhof vorbeigefahren - jetzt aber aus Richtung Soldau. Hin und wieder hielt ein Zug sogar an, und die Soldaten, meist Verwundete, stiegen aus und kamen über die Gleise zu uns herüber, wo sie sich im großen Lager der Kachelfabrik aufwärmten und von meiner Mutter und unseren Arbeiterinnen mit Butterbroten und heißem Tee aus einem großen grünen Thermoskübel, den der Nikolai einmal vom Bahnsteig geklaut hatte, versorgt wurden. Die meisten von ihnen hatten dreckige und zerrissene Uniformen an und sahen ganz anders aus als die Soldaten, die im September 1939 mit lautem Gesang über die Hindenburgstraße nach Polen marschierten. Viele von ihnen hatten blutige Verbände an Kopf, Armen oder Beinen und humpelten wie alte Männer. Dabei waren einige von ihnen nicht älter als unsere Kameraden von der HJ. Einer der Soldaten hielt sich ein schmutziges, grünkariertes Taschentuch ans Auge. »Würden Sie sich das mal anschauen, ich glaube, mir ist da was ins Auge geflogen« bat er meine Mutter. Sie holte schnell ein paar saubere Windeln aus dem Kinderzimmer und schaute sich das Auge an. Plötzlich hörte ich ihren erschreckten Ruf nach einem Sanitäter und ihre Worte: »Mann, sie haben ja gar kein Auge mehr, das ist ja ausgelaufen«. Meine schon sehr früh stark ausgeprägte Neugierde machte selbst davor nicht halt, und ich sah nur ein blutiges Loch, wo vorher ein Auge war. Jetzt musste der Soldat sich aber hinsetzen weil er nicht mehr stehen konnte, und meine Mutter machte ihm einen Verband aus den Windeln. Einige Tage später, es war wieder ein Zug mit Soldaten auf dem Bahnhof angekommen, die wie gewohnt bei uns versorgt wurden, erschien ein Unteroffizier und fragte nach unserem Namen. Mein Bruder Ernst sei in seiner Einheit gewesen, und er erzählte, dass er erlebt habe, wie mein Bruder verwundet wurde und in ihrer Stellung liegen blieb, aus der sie sich vor den anstürmenden Sowjets zurückziehen mussten. Er war der Meinung, dass mein Bruder nicht tot ist und hoffentlich mit dem Leben davongekommen und vielleicht in russische Kriegsgefangenschaft geraten sei. Für meine Eltern war das jedoch kein großer Trost.

Rückblicke

 „Herrenmenschen“ – „Untermenschen“ ? 

Der Polenfeldzug ging zwar schnell seinem Ende zu, doch der Zweite Weltkrieg sollte noch fünf lange, mörderische Jahre andauern. Die Neidenburger Kachelfabrik am Bahnhof war inzwischen ein kriegswichtiger Betrieb geworden, weil hier nicht mehr nur Ofenkacheln, sondern Steingutgeschirr jeglicher Art für die Kasernen hergestellt werden musste. Und da die meisten deutschen Arbeiter und Angestellten beim Barras waren, Soldat spielen mussten, was sich bald als ein sehr grausames Spiel erweisen sollte, wurden der Fabrik nach dem Sieg über Polen mehr und mehr polnische Männer und Frauen und später französische Kriegsgefangene, Ukrainer und Ukrainerinnen, Russen und Russinnen, und weiß Gott wo sie alle herkamen, als Arbeiter zugeteilt. Voller Aufregung und Neugier beobachtete ich jeden neu ankommenden Transport. Und wenn die Nachbarskinder, allen voran der freche Helmut K. mit seiner immer tropfenden „Schnoddernase“ und der hinterlistige Paul B mit seinen stets etwas zugekniffenen Augen, fragten, ob wir wieder neue „Polaken“ oder neue „Sklaven“ bekommen hätten, dann fühlte ich gelegentlich schon einen gewissen Zwiespalt in mir aufkommen. Waren es doch meist junge Frauen und Männer, die anfangs sehr scheu und verschlossen wirkten, sich bald aber als freundliche und sympathische Leute erwiesen. So blieb es nicht aus, dass ich schnell die eine oder den anderen dieser „Fremdarbeiter“ lieb gewann. Die meiste Zeit verbrachte ich in ihrem „Bunker“ und half ihnen dabei, ihre Unterkunft wohnlich zu gestalten, was mein Vater nicht so gerne sah - »weil der Ortsgruppenleiter K. doch ständig um die Fabrik herumschlich« und der HJ-Bannführer Wippich sein Domizil in den Büros der benachbarten Ziegelei errichtet hatte. Ohne von jeglichem Argwohn dieser Art belastet, schloss ich bald Freundschaft mit der vollbusigen Nastasja und der hübschen Ksenja, aber auch mit dem starken Stanislaw Zakczewski und dem immer zu Späßen aufgelegten Nikolai. Es muss im Sommer 1941 gewesen sein, als wieder einmal ein Lastwagen voller Männer und Frauen ankam, die von bewaffneten Soldaten begleitet wurden. Warum diese mit strengen Blicken und ihren Gewehren im Anschlag die Gruppe umstellten und in die Fabrik führten, habe ich nie verstanden. Dabei sahen jene doch überhaupt nicht gefährlich aus und schauten eher ängstlich um sich. Wie bei allen Neuankömmlingen mussten mein Vater und meine Mutter die Leute übernehmen und ihren Empfang schriftlich quittieren, als wären sie ein Postpaket. Unter diesen Leuten befand sich eine junge Frau von etwa siebenundzwanzig Jahren. Sie fiel sogar mir auf, weil sie gepflegter war als alle anderen. Ihre Augen hatten ein freundliches Strahlen, und ein stetes Lächeln machte ihr Gesicht fast hübsch. Ihre zierliche Figur schien eigentlich nicht besonders für die harte Arbeit in der Fabrik geeignet. Dies muss auch meine Mutter bemerkt haben und sie entschied spontan: »Diese Frau ist zu schade für die Fabrikarbeit, ich brauche sie im Haushalt«. So kamen wir an Wiktoria Szczepkowska und Wiktoria zu uns. Ihr Ehemann Waclaw Szczepkowski, der ebenso wie seine Frau einen gepflegten Eindruck machte und sogar ziemlich gut deutsch sprach, gewann schnell das Vertrauen meines an sich sehr reservierten Vaters, der kein polnisch konnte, und wurde eine Art Vorarbeiter und Dolmetscher. Er lernte von meinem Vater mit großem Geschick die Kunst der Töpferei und beherrschte bald die schwierige Arbeit des Glasierens, wobei er sogar eigene Ideen zur Herstellung neuer Gießformen und zur Mischung neuer Glasuren entwickelte. Kurz, Waclaw Szczepkowski wurde zu einem wichtigen und unverzichtbaren Mitarbeiter. Natürlich war er für uns nicht der Waclaw und seine Frau nicht die Wiktoria. Meine Eltern siezten sie, ebenso wie sie die anderen Arbeiter und Arbeiterinnen mit Sie anredeten und achteten darauf, dass wir Kinder es genauso hielten, auch wenn sie das gelbe Stoffschild mit dem großen P auf der Brust tragen mussten, zumindest, wenn sie die Fabrik verließen und in die Stadt zum Einkaufen gingen. Das Vernachlässigen dieser Kennzeichnungspflicht konnte schlimme Folgen für sie haben. Doch dies scherte meine resolute Mutter wenig. So ging sie schon mal mit der Frau Szczepkowska zur Stadt. Dabei musste die Polin nicht, wie die Bestimmungen lauteten, einige Schritte hinter meiner Mutter hergehen, sondern meine Mutter bestand darauf, dass sie neben ihr ging. Und wohin gingen sie, die mit dem silbernen Mutterkreuz ausgezeichnete Deutsche und ihre polnische „Fremdarbeiterin“? Meine Mutter hatte ihr ein nettes Kleid von sich gegeben und führte die kleine Frau zuerst einmal in einen Friseursalon, ließ ihr eine schicke Frisur legen und besuchte mit ihr das CC, das Central-Café, am Markt, das ein beliebter Treffpunkt vieler Soldaten und der Leute von der Partei war. Und der Gipfel war, sie gingen sogar hin und wieder zusammen ins Kino, und die Nachbarin, Frau Karkowski, ging mit. Die Warnung meines Vaters »wir werden noch mal Ärger mit der Gestapo kriegen« tat meine Mutter regelmäßig mit dem Bemerken ab, dass sie in ihrem Haushalt und für ihre Kinder eine gepflegte und gebildete Frau haben wolle und nicht eine dumme und unordentliche Person, für die sie sich schämen müsse, wenn sie mit ihr zum Einkaufen ginge. Damit war das Thema erledigt. Doch eines Tages erschienen plötzlich zwei Männer in der Fabrik. Ihre Ledermäntel und Hüte waren die bekannten Markenzeichen der gefürchteten Truppe, über die man nur im vertrauten Kreise flüsternd sprach. Es muss Mitte des Jahres 1943 gewesen sein, als sie kurzerhand unseren Vorarbeiter Waclaw Szczepkowski verhafteten und in einer schwarzen Limousine davonfuhren. Die vorsichtigen Einwände meines Vaters und der reichlich laute Protest meiner Mutter nützten rein gar nichts. Angeblich gehörte Waclaw Szczepkowski als Offizier einer polnischen Widerstandsgruppe an. Er wurde nach Zychenau in ein Lager gebracht. Nun war guter Rat teuer. Ich wusste es doch, diese Polaken und Ruskis, wie manche meiner Mitschüler und einige Nachbarskinder unsere Arbeiter und Arbeiterinnen abfällig nannten, konnten nicht nur lustig sein und fröhlich singen, sie konnten auch tieftraurig sein und weinen. Das Leid und die Trauer um die Verhaftung und wahrscheinliche Erschießung des Herrn Szczepkowski hatte sich nicht nur unserer Arbeiter bemächtigt. Auch wir Kinder fühlten mit seiner Frau und machten uns große Sorgen, bis meine Mutter die glorreiche Idee hatte, etwas für ihn zu unternehmen. Und so schrieb mein politisch völlig desinteressierter Vater nach einem vertraulichen Gespräch mit einer Parteigröße der Stadt einfach an die Gauleitung nach Königsberg mit dem Hinweis auf die Kriegswichtigkeit der Fabrik, und dass der verhaftete Pole ein unverzichtbarer und unersetzbarer Vorarbeiter und Dolmetscher für meinen des Polnischen doch unkundigen Vater sei. Und wie sollte er denn ohne diesen wichtigen Helfer mit den vielen polnischen und inzwischen auch noch ukrainischen und russischen Arbeitern und Arbeiterinnen fertig werden. Auf ein Wachkommando für diese Arbeiter in der Fabrik, das ohnehin nicht zur Verfügung stand, weil die Soldaten an der Front doch nötiger gebraucht würden, hatte er ja bekanntlich verzichtet. Das Wunder geschah schon nach zwei Wochen! In einem Schreiben der Gauleitung wurde meinem Vater zugesichert, dass er den Polen in Zychenau abholen könne. Er müsste allerdings mit seinem eigenen Leben dafür haften, dass dieser die Fabrik und die Stadt nicht verlasse. So fuhren mein Vater, meine Mutter und sogar die Frau Szczepkowska gemeinsam mit dem Auto nach Zychenau und brachten den dem Tode geweihten Häftling nach Hause zurück. Er aber, der in diesem Lager auf sein Ende wartete, war an diesem Tag zu Tode erschrocken, als über Lautsprecher sein Name aufgerufen wurde und er sich beim Kommandanten melden sollte. Zu oft hatten er und seine Leidensgenossen im Lager diese Aufrufe gehört und die Aufgerufenen nie wieder gesehen. Sie seien ins KZ abtransportiert oder im nahen Wald in einer Kiesgrube erschossen worden, flüsterte man sich im Lager zu. Dass er sich an diesem Tag wie neugeboren fühlte, wollte er sein Leben lang nicht vergessen. Natürlich war die Freude bei allen groß und im „Bunker“ wurde ein richtiges Fest gefeiert, an dem sogar einige französische Kriegsgefangene aus der Schneidemühle Kardinal teilnahmen. Es wurde gesungen und getanzt bis spät in die Nacht hinein. Woher die das viele Essen und sogar Bier und Schnaps hatten, habe ich nie herausgekriegt. Aber das war ja auch nicht so wichtig. Als dann im Januar 1945 meine Mutter mit uns Kindern tagelang in dem zu einem bombensicheren Bunker umgebauten Brennofen im Keller tief unter der Fabrik saß und wir von allen unseren Polen, Ukrainern und Russen versorgt und getröstet wurden - mein Vater hatte in den letzten Tagen den Auftrag, mit seinem italienischen „Beutegewehr“, einer Handvoll Munition in seiner Joppentasche und einer Volkssturm-Kompanie die von Süden anstürmende Sowjetarmee aufzuhalten - reifte bei meiner Mutter der Entschluss, die bereits unter Beschuss liegende Stadt zu verlassen. Gerade noch rechtzeitig schafften uns unsere Arbeiter mit dem nötigsten Gepäck in einen Wehrmachtszug, der vor der Fabrik auf dem Bahnhof stand. Es war der letzte Zug, der die Frontstadt verließ, wie uns der Bahnhofsvorsteher versicherte. Zum Abschied forderte meine Mutter das Ehepaar Szczepkowski auf, alles aus unserer Wohnung an sich zu nehmen oder an die anderen Arbeiter zu verteilen, falls wir nach ein paar Tagen nicht zurückkehren würden, bevor es von den Sowjettruppen zerstört oder weggeschleppt wird. Die meisten Neidenburger hatten bereits die Stadt verlassen und es hieß, dass es nur für ein paar Tage sei, dann hätte man die Sowjets zurückgeschlagen und die Front zurückgedrängt. Aus diesen vorausgesagten paar Tagen waren schließlich viele Jahre geworden.

Ein Wiedersehen

All´ dies und noch viele tragische aber auch lustige Erlebnisse und Ereignisse dieser Tage mehr gehen mir durch den Kopf, als wir fünfunddreißig Jahre später unser Neidenburg im polnischen Taxi über die Hindenburgstraße Richtung Süden verlassen. Meiner Mutter ist nämlich eingefallen, dass die Eheleute Szczepkowski aus einem Dorf namens Szczepkowo Borowe jenseits der Grenze, nicht weit von Neidenburg entfernt, stammten. Dorthin führt uns nun unser Weg in der Hoffnung, dass sie noch leben und wir sie finden würden. Vor uns tut sich ein Land auf, das noch ärmlicher und verfallener aussieht als die ehemals deutschen Städte und Dörfer heute. Das trostlose Szczepkowo Borowe ist ein Dorf mit vielen baufälligen Holzhäusern, deren Strohdächer mit Blechplatten aus alten Benzinfässern geflickt sind. Die Straßen und Wege sind ein einziges schlammiges Schlagloch. Die Dorfbewohner, in zerrissenen Lumpen und in geflickten Gummigaloschen oder Holzpantinen, warten vor einem staatlichen Magazin auf Brot. Hier finden wir endlich eine Frau, die sich als eine Cousine der Wiktoria Szczepkowska erweist. »Wiktoria und  Waclaw leben jetzt in Miłomłin bei Ostroda« sagt sie und zeigt uns in ihrer armseligen Behausung, einem Viehstahl ähnlich, einen Brief, den sie noch vor kurzem von ihnen erhalten hat. Mit dieser Adresse und einem zusätzlichen guten Trinkgeld in Deutscher Mark überreden wir unseren Taxifahrer, uns dorthin zu fahren, wo unsere Erinnerungen zu Fleisch und Blut werden sollen. Es geht wieder nordwärts durch masurische Wälder und an idyllischen Seen vorbei nach Liebemühle, das heute Miłomłin heißt. Hier biegen wir von der Nationalstraße Warszawa-Gdansk in einen fast unbefahrbaren Sandweg ab, der zu einigen alten Häusern führt. In einem von ihnen müssen die wohnen, die wir fünfunddreißig Jahre nicht mehr gesehen haben, die vor dieser Zeit als Zwangsarbeiter aus ihrer Heimat verschleppt wurden und in einer deutschen Fabrik arbeiten mussten. Wie werden sie uns, die Deutschen aus der BRD, heute empfangen? Werden sie eigentlich noch etwas mit uns zu tun haben wollen? Vor dem Haus steht ein alter, gebeugter Mann, der neugierig das fremde Auto mustert. »Dzien dobry Pani« sagt er höflich und küsst meiner Mutter zur Begrüßung die Hand, wie es sich für einen gebildeten Polen gehört. Er erkennt uns offensichtlich nicht. Wie sollte er auch. Aus dem kleinen Jungen von damals ist ein erwachsener Mann geworden und im Gesicht meiner Mutter haben die vielen Jahre auch ihre Spuren eingegraben. Sein Gesicht dagegen hat sich fast gar nicht sehr verändert, es ist nur kleiner geworden. Der ganze Mann ist kleiner als ich ihn in Erinnerung habe, aber er ist es, der Waclaw Szczepkowski. Auf die Frage nach seiner Frau Wiktoria weist er zum Garten hinter dem Haus und geht mit uns, ohne zu ahnen, wer wir sind. Und da kommt sie auf sein Rufen hin uns entgegen, die zierliche, gepflegte und immer sorgfältig gekleidete „Fremdarbeiterin“ und Vertraute meiner Kindersorgen und Jungennöte der Kriegstage in Neidenburg, wie sie in meiner Erinnerung lebt. Sollte sie es wirklich sein, diese überaus kleine, überaus kugeligdicke, in eine alte schmutzige Kittelschürze gehüllte Babcia, mit heruntergerollten Wollstrümpfen in zerrissenen Gummistiefeln, mit grauem, im Nacken zu einem Dutt gebundenem Haar und mit einem breiten, runden und freundlich lächelndem Gesicht? Sie ist es wirklich, denn anders als ihr Mann, erkennt sie meine Mutter sofort und mich erst, als ich ihr vorgestellt werde. Dieses Wiedersehen und die Begrüßung sind um vieles ergreifender als das Wiedersehen mit der Stadt Neidenburg. Lautes Lachen und Weinen wechseln einander ab. Auch dem alten Mann rinnen die Tränen der Freude über die faltigen Wangen und seine erste Frage gilt meinem Vater. Für einen Augenblick löst Trauer über dessen Tod die Wiedersehensfreude ab und der alte Pole sagt doch tatsächlich: »Ich würde dem Chef die Füße küssen, für das, was er für uns getan hat, wenn er noch leben würde«. Damit beginnt an einem schnell gedeckten Tisch mit allen Zeichen polnischer Gastfreundschaft ein weiteres Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte:

Die Hinterlassenschaft

Der Winter 1945 war vorüber. Die Polen übernahmen die Verwaltung der deutschen Ostgebiete jenseits der Oder und Neiße und südlich der quer durch Ostpreußen verlaufenden sowjetisch-polnischen Demarkationslinie. Der Sommer ging in das vom Krieg zerstörte Land, als eines Tages, die Szczepkowskis waren wieder in ihrem Heimatdorf, einige Männer in einem großen, schwarzen Auto bei ihnen erschienen. Sie fragten ihn, ob er derjenige sei, der in der Kachelfabrik in Neidenburg gearbeitet habe. Als er diese Frage bejahte, wurde er aufgefordert, mit ihnen nach Nidzica zu fahren, das in dieser Zeit noch Nibork hieß. Natürlich ließ seine Frau ihn nicht allein gehen. »Die Gestapo hat meinen Mann schon einmal verhaftet« sagte sie den Herren, »und dieses Mal gehe ich mit ihm«. Die Herren waren damit einverstanden und schon ging es los nach Nibork. In der Kachelfabrik führte man sie in das Kontor, in dem offensichtlich alles durchsucht worden war. Aus einer Akte auf dem Schreibtisch las einer der Herren ein Schreiben vor, das ein gewisser Salewsky an eine Nazistelle gerichtet hatte und in dem von dem Vorarbeiter Waclaw Szczepkowski die Rede ist. Auch das Antwortschreiben dieser Nazistelle lag vor und die Herren fragten: »Wo ist dieser Salewsky? Wir brauchen ihn für die Fabrik«. »Die Deutschen sind doch alle weg und wir wissen nicht, wo sie sind«, antwortete der ehemalige Vorarbeiter misstrauisch. (Übrigens, dass „dieser Salewsky“ sich in Wirklichkeit zur selben Zeit in Neidenburg aufhielt, sich mit einem Passierschein des Starosten (Landrat) frei bewegen konnte, in den Häusern Öfen reparierte und im Keller der Kreissparkasse hauste, ahnte von ihnen natürlich keiner.) Schnell fiel die Entscheidung, nachdem man ihn befragte, ob er wirklich ein Fachmann in dieser Fabrik gewesen sei. Die Anordnung lautete: »Sie werden Direktor, übernehmen sofort die Fabrik, erhalten so viele Arbeiter wie sie benötigen und beginnen schnellstens mit der Produktion«. Nach einigen Jahren seiner Tätigkeit in der Fabrik in Nidzica, die später zu einer Landmaschinenfabrik umfunktioniert wurde, übertrug man ihm die Leitung einer ähnlichen Fabrik in Miłomłin, wo er bis zu seiner Pensionierung arbeitete. Aufgrund seiner Stellung und seiner Leistungen erhielt er das Haus, in dem sie jetzt wohnen, mit großem Garten und die Wiese vor dem Haus hinunter bis zum See als Eigentum für sich, seine Frau und seine beiden Kinder, die heute so alt sind, wie ihre Eltern waren, als unsere Wege sich das erste mal kreuzten. Und für all´ dies wollte der polnische Zwangsarbeiter von damals seinem früheren deutschen Chef die Füße küssen, wenn dieser noch leben würde. Die kurze Zeitreise mit dem Taxi in die Vergangenheit musste natürlich an diesem Tag für uns ein Ende haben und so verabredeten wir, uns im nächsten Jahr wiederzusehen. Damit ist aus einer im Krieg erzwungenen Verbindung zwischen „deutschen Herrenmenschen“ und „polnischen Untermenschen“, die wir alle beileibe nicht waren, an diesem Tag - oder gar viel früher schon? - bis heute eine dauerhafte deutsch-polnische Familienfreundschaft entstanden, die einen kleinen Beitrag zum Frieden und zur Verständigung zwischen ehemaligen „Feinden“ und Kriegsgegnern leisten möge. (© 1979 by Franz Salewsky, Aachen)